Statt – wie geplant um 11:00 – sind wir heute Morgen erst um 12:00 aufgebrochen. So hatten wir noch ein wenig Gelegenheit, um dem frühen morgendlichen Treiben am Strand zuzuschauen. Es gibt wahrlich schlechtere Orte, um Wartezeit zu überbrücken.

Unsere letzte Etappe von nun doch rund 100 km hat als Ziel die Villa Rivercat in Mandarem/Goa. Es galt noch einmal hoch konzentriert zu sein. Denn nichts wäre blöder gewesen, als wenn auf der letzten Etappe tatsächlich noch etwas passiert wäre. Aber wir haben wieder alle gut aufeinander aufgepasst und nach diesen zehn gemeinsamen Fahrtagen hat man auch eine gewisse Routine im Kolonne fahren gespürt. Die etwas Besseren fahren hinter den etwas Schwächeren, denn so lassen sich etwaige Fahrfehler der etwas Schwächeren frühzeitig erkennen und man kann brenzlige Situationen eher vermeiden. Aber es ist auch heute alles gut gegangen und überhaupt hatten wir auf der ganzen Tour außer 2-3 „Umkippern“ im Stand keinerlei Stürze oder Unfälle.

Wie – überhaupt – wir auf der gesamten Tour nicht einen einzigen Unfall beobachtet haben. Wir sind auch an keiner Unfallstelle vorbeigekommen. So chaotisch der Verkehr in Indien anmuten mag – jeder passt auf jeden auf und alle lassen sich gegenseitig genügend Raum, um unfallfrei durch den Verkehr zu kommen. All die gelassenen Tiere mitten auf der Straße sind sprichwörtlich der lebende Beweis dafür.

Christian hat es heute auf den Punkt gebracht: die jungen Menschen und die jungen Tiere, die nicht achtsam genug im Verkehr sind, haben in späteren Jahren keine Chance mehr, ihre Gene weiterzugeben. Hört sich makaber an – ist aber so. 😉

Das gleiche trifft wohl auf den Umgang mit gefährlichen Tieren wie zum Beispiel Schlangen, Elefanten und Tigern zu. Wer allzu waghalsig ist, der wird es kaum bis ins fortpflanzungsfähige Alter schaffen.

Also – wir haben alle gut aufeinander aufgepasst. Und das ist das eigentlich bemerkenswerte. Über zwanzig sich zumeist fremde Menschen haben in den letzten zehn Tagen einen Reifeprozess durchgemacht – und das nicht nur, was das Motorradfahren angeht. Wir haben mittlerweile als Gruppe eine Offenheit und ein Vertrauen erreicht, dass jeder jedem alles sagen kann. Vielleicht ist es ein bisschen wie bei einer Seilschaft beim Bergsteigen. Man muss sich einfach blind auf den anderen verlassen können und muss ihm vertrauen. Ansonsten kann das ziemlich gefährlich werden, wenn man in einer solch großen Gruppe Motorrad fährt. Unser Ashram ist dann wohl zum einen unser Motorrad, auf dem wir uns – jeder für sich – in unsere Gedankenwelt zurückziehen können. Zum anderen aber auch die Gemeinschaft dieser Gruppe, in der wir unterwegs waren. Wir sind alle gewachsen und alle dürfen daher auch ein bisschen stolz auf sich sein.

Und so war dann auch die Freude groß und alle haben sich gegenseitig herzlich umarmt, nachdem wir die Motoren zum letzten Mal ausgemacht, die Seitenständer ausgeklappt und unsere Motorräder abgestellt haben. Es war Freude über das erlebte und das „heil angekommen sein“, aber auch ein bisschen Wehmut, dass diese großartige Motorradtour durch diesen atemberaubend schönen Teil Indiens nun zu Ende ist.

Nicht zuletzt ist es ein Verdienst von Roland und seiner lieben Nadine, die diese Fundrides veranstalten. An dieser Stelle möchten wir uns ganz ausdrücklich und herzlich bei den beiden bedanken. Ihr seid einfach fantastisch und es ist schön, dass es euch gibt.

Aber in jedem Ende steckt bekanntlich auch ein Anfang. Und nun beginnt also der Teil unserer Reise, der nichts mehr mit Motorradfahren zu tun hat. Morgen werden wir einen Erholungstag haben und am Donnerstag ganz in der Früh fliegen wir nach Hyderabad. Die Eindrücke, die uns dort erwarten werden, werden sicherlich sehr besonders.

In der Villa River Cat angekommen, wurden wir sehr herzlich von Rinoo Sehgal, dem Besitzer und Gastgeber empfangen. Sein Credo ist: „… your problem is my problem – and I will do everything to fix it!”

Da fühlt man sich ein ums andere Mal so richtig Willkommen. 😊

Autor: Ralf Hoffmann – Fundrider & Projektmanager Indien