Der Tag begann mitten in der Nacht: 3:30 Uhr klingelte der Wecker, um 4:00 Uhr fuhren wir nach einem schnellen Frühstück zum Dabolim Airport. Die Straßen waren leer, nur die unzähligen Speed Breaker und die vielen Hunde auf der Straße erinnerten uns immer wieder daran, dass wir in Indien unterwegs sind. Nach gut anderthalb Stunden erreichten wir den Flughafen und flogen – mit etwas Verspätung – nach Hyderabad.
Dort wurden wir persönlich von Jaya und seiner Frau Gladys empfangen – ein Moment, der uns erneut das intensive Gefühl gab, willkommen zu sein. Jaya ist der Gründer von Chaithanya Mahila Mandali (CMM), der Partner-NGO des Kleinen Hilfsaktion e.V.. Ursprünglich stammt er aus Tamil Nadu. Während seines Studiums erkannte er das Ausmaß von Prostitution (er nennt es Human Trafficking, also Menschenhandel) und die dramatischen Lebensumstände der betroffenen Frauen und vor allem ihrer Kinder. Ihm war sofort klar – er wollte helfen. Das tat er und trotz massiver Drohungen ließ er sich nie aufhalten.
Da er den Frauen selbst nur begrenzt helfen konnte, konzentrierte er sich auf deren Töchter. Viele dieser Mädchen wuchsen in Bordellhäusern auf – ohne Schutz, ohne Perspektive. Mit Zustimmung der Mütter holte CMM sie aus diesen Strukturen heraus. 2019 wurde der Grundstein für das heutige Rehab Center gelegt, 2022 konnte es eröffnet werden: ein sicherer Ort für über 100 Mädchen. Offiziell gelten sie als Waisenkinder, um sie vor gesellschaftlicher Ausgrenzung zu schützen.
Schon beim Betreten des Mädchenhauses spürten wir eine unglaubliche Energie. Lachende Gesichter, schüchterne Blicke, neugierige Fragen – eine Mischung aus Disziplin, Lebensfreude und tiefer Dankbarkeit. Man merkte: Dieser Besuch bedeutete ihnen etwas. Und uns auch.
Nach einem gemeinsamen Frühstück besuchten wir ein Skill Development Center. Gladys sprach offen darüber, wie schwer es sei, nur einer begrenzten Zahl an Mädchen helfen zu können, wo doch so viele von ihnen Hilfe bitter nötig hätten. Und doch sei jedes gerettete Mädchen „ein Licht in der Dunkelheit“.
Das Projekt „Zukunft Nähen“ schenkt genau dieses Licht. In vier Monaten lernen junge Frauen das Schneiderhandwerk, erhalten unternehmerisches Wissen und am Ende eine eigene Nähmaschine. Damit können sie sich eine selbstbestimmte Existenz aufbauen – oft verdienen sie später ein Vielfaches dessen, was sie zuvor unter ausbeuterischen Bedingungen hätten verdienen können. Sie werden zu Vorbildern in ihren Familien, verändern Rollenbilder und schaffen echte Perspektiven.
Sehr bewegend war die Übergabe von Rollstühlen an sieben schwer beeinträchtigte Menschen aus einem entfernten Slum. Dankbarkeit und stille Würde lagen in der Luft.
Noch intensiver wurde es beim Besuch der „Singareni Colony“. In kleinen Gruppen besichtigten wir einzelne Hütten und beurteilten systematisch die dringendsten Bedürfnisse: Gesundheit, Dach, Wände, Tür, Schlafplätze, Wasser, Strom. Die Realität war erschütternd – Schimmel, Nässe, offene Wunden, fehlende Hygiene. Eine ältere Frau wünschte sich nichts weiter, als ihre Hütte noch einmal gründlich gereinigt zu bekommen, „um in Würde sterben zu können“. Unser Tourarzt Dirk versorgte, wo er konnte. Alle Fälle wurden dokumentiert, CMM und wir werden weiterhelfen.
Der Kontrast zu den Ausbildungsstätten hätte größer nicht sein können. Dort begegneten uns Stolz, Ehrgeiz und Hoffnung. Die jungen Frauen präsentierten mit leuchtenden Augen ihre Näharbeiten – jeder Stich ein Symbol für eine neue Zukunft.
Zurück im Mädchenhaus überreichten wir 15 gespendete Notebooks. Am Abend versammelten sich alle im Außenbereich. Über 100 Mädchen stellten sich einzeln vor – jede mit ihrem Namen, ihrem Alter und einem großen Traum: Ärztin, Lehrerin, Ingenieurin.
Besonders ergreifend war die Geschichte von Andalu „Anu“ Motam und ihrer Schwester Swapna. Nach dem Verlust ihrer Familie und ihres Zuhauses fanden sie unter einem Baum Zuflucht, bevor CMM sie aufnahm. Swapna erkrankte schwer an TBC, der Arzt wollte sie aufgeben. Doch Jaya und Gladys kämpften weiter – und sie überlebte. Heute tanzte sie fröhlich zu Everybody (Backstreet’s Back) von den Backstreet Boys, während Anu inzwischen ein Stipendium einer amerikanischen Universität erhalten hat. Es blieb kein Auge trocken.
Zum Abschluss erhielt jede von uns eine Kerze. Im Schein von über hundert kleinen Lichtern sprach Jaya über Hoffnung und Dankbarkeit. Gemeinsam sangen wir „O come let us adore you“. Dieser Moment – Stimmen, Lichter, Verbundenheit – wird für immer bleiben.
Erst gegen 0:30 Uhr startete unser Rückflug, um 3:15 Uhr waren wir wieder in der Villa Rivercat. Fast 24 Stunden voller Emotionen, Kontraste und Erkenntnisse. Unvergesslich!
CMM rettet nicht nur Seelen – CMM rettet Leben.
Autor: Ralf Hoffmann – Fundrider & Projektmanager Indien

















