Kleine Projekte – große Wirkung
Nach Tagen des Unterwegsseins, des Kennenlernens und des Zusammenwachsens beginnt an Tag 8 jener Teil der Fundriding-Tour, der ihren Kern ausmacht: die Notfallhilfeprojekte. Ab heute übernehmen die Fundrider nicht nur die Rolle von Reisenden, sondern die von Projektverantwortlichen – für genau die Hilfen, die sie im Vorfeld durch ihr persönliches Fundraising möglich gemacht haben.
Es ist ein Perspektivwechsel, der spürbar ist.
Start in Kandieng – gemeinsam mit den local authorities
Der Tag beginnt im Community Center von Kandieng. Dort treffen die Fundrider auf die „local authorities“, die bei jedem Projekt eine zentrale Rolle spielen.
Sie kennen die Familien, die Lebenssituationen, die Dringlichkeiten. Sie wählen die Menschen aus, die Unterstützung benötigen, begleiten die Umsetzung und sorgen dafür, dass Hilfe nicht an der Realität vorbeigeht.
Heute stehen mehrere Notfallhilfeprojekte sowie Rollstuhl- und Rollatorauslieferungen auf dem Programm. Da sich die Fundrider an den Projekttagen in 3 Gruppen aufteilen, können hier nicht alle Projekte wiedergegeben werden.
Projekt 1 – Ein Rollator, der wartet, und eine Familie, die kämpfen muss
Der erste Besuch führt zu einem älteren Mann, der einen Rollator erhalten soll. Doch als die Gruppe eintrifft, ist er nicht zu Hause – er liegt wegen einer schweren Atemwegserkrankung im Krankenhaus. Stattdessen lernen die Fundrider seine Tochter Orn Oul kennen. In einem ruhigen, offenen Gespräch wird schnell deutlich, wie prekär ihre Situation ist:
Sie versorgt ihren schwer kranken Vater und kümmert sich allein um ihre beiden Kinder im Alter von 11 und 4 Jahren. Ihr Mann hat die Familie verlassen. Unterhaltszahlungen gibt es nicht. Orn Oul arbeitet als Tagelöhnerin, doch das Einkommen reicht nicht aus, um die Familie zu ernähren. Manchmal helfen Nachbarn. Manchmal schickt ihr Bruder Geld – wenn er Arbeit hat.
Doch auch diese Unterstützung ist unsicher geworden: Viele Kambodschaner arbeiten als Bauarbeiter in Thailand. Durch den aktuellen Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha sind die Grenzen geschlossen. Für Millionen Menschen ist damit eine der wenigen Einkommensquellen versiegt.
Vom Zuhören zum Handeln – das „Duck Project“
Gemeinsam mit Sina, unserer kambodschanischen Freundin und Übersetzerin, überlegen die Fundrider, wie Orn Oul nachhaltig unterstützt werden kann – nicht mit einer einmaligen Hilfe, sondern mit einer Perspektive.
Rund um die einfache Hütte gibt es Platz. Orn Oul hat Erfahrung im Umgang mit Tieren. Und sie ist bereit, Verantwortung zu übernehmen.
So entsteht die Idee des „Duck Project“ mit dem Ankauf von 100 Entenküken, einem einfachen Zaun / Gehege, sowie Futter und Grundausstattung. Die erste Kostenschätzung liegt bei 300 US-Dollar. Ein kleiner Betrag – mit potenziell großer Wirkung.
Die local authorities erklären sich bereit, ein konkretes Budget zu erstellen. Nachbarn werden beim Bau des Geheges helfen. Die lokalen Projektpartner vom Rotary Club Pursat City kümmern sich um den Ankauf der Küken. Hilfe, die sich selbst trägt. Und Würde bewahrt.
Projekt 2 – Ein Rollstuhl für Prok Noeurn
Anschließend steht eine weitere Rollstuhlauslieferung an. Viele Fundrider haben Rollstühle oder Rollatoren im eigenen Gepäck mit nach Kambodscha gebracht – eine logistische Herausforderung, aber oft ein lebensverändernder Moment.
Heute besuchen wir Prok Noeurn, 83 Jahre alt, ehemaliger Grundschullehrer. Er leidet an Muskelschwund und ist seit Jahren nicht mehr mobil. Seine kleine Hütte konnte er lange nicht verlassen.
Er lebt mit seiner Frau, kinderlos. Die Pension ist sehr gering. Die Frau betreibt ein kleines Geschäft mit Getränken und Lebensmitteln. Gelegentlich hilft eine Nichte. Als die Fundrider eintreten, empfängt Prok Noeurn die Gruppe freundlich – und scherzt sogar auf Englisch. Als er den Rollstuhl sieht, ist die Freude greifbar.
Wir fragen ihn, wohin sein erster Ausflug gehen soll: Zum Tempel? Zu Freunden? Ins Pub? Er lacht und sagt: „I will go to Germany!“
Zum Abschied bedankt er sich mehrfach für den Besuch und die Hilfe. Er sagt, dieser Tag werde ihm lange in Erinnerung bleiben – und habe ihm neue Motivation gegeben, weiterzuleben. Bei diesem wie bei vielen anderen Projekten erleben die Fundrider eine Gemengelage der Gefühle – vom Kloß im Hals und Tränen in den Augen bis zu Lachen und Glücksmomenten auf beide Seiten.
Notfallhilfe heißt nicht perfekt – sondern menschlich
Tag 8 zeigt, was Notfallhilfe im Kern bedeutet:
-
Zuhören
-
Ernstnehmen
-
Lösungen gemeinsam entwickeln
-
Hilfe ermöglichen, ohne zu bevormunden
Nicht jede Hilfe garantiert Erfolg. Nicht jedes Projekt wird langfristig tragen. Aber nicht zu helfen, nur weil Erfolg nicht planbar ist, ist keine Option.
Die Fundrider erleben an diesem Tag, dass Verantwortung nicht abstrakt ist. Sie hat Gesichter. Namen. Geschichten. Und manchmal reicht ein Rollstuhl, ein Gespräch oder eine Idee mit 300 Dollar, um ein Leben spürbar zu verändern.





